Sensible Trambahnen

Bilder, Tellerrand, Wissenswertes Von: Daniel Schuhmann

Schön schauen sie aus, die neuen Trambahnen. Schnittig kommen sie dahergefahren, die Münchner Variobahn im traditionellen blau, das Nürnberger Modell im fränkischen rot-weiß und der Augsburger Cityflex in weiß-grün. Doch die Fahrgäste bekommen sie selten zu Gesicht.

Cityflex 872 fährt durch die Augsburger Innenstadt (Bild: Dietmar Sailer)

Cityflex 872 fährt durch die Augsburger Innenstadt (Bild: Dietmar Sailer)

„Früher hat das nicht so lang gedauert“, so hört man häufig. Da hat man das Fahrzeug auf die Gleise gestellt und ist losgefahren. Heute hingegen dauert’s ein Jahr und länger, bis die Fahrzeuge im Fahrgasteinsatz stehen. Warum?

Ein Blick nach Augsburg. Nicht weniger als 27 Fahrzeuge vom Typ Cityflex wurden bestellt. Hier wollte man punkten mit einer schnellen Inbetriebsetzung. Die Voraussetzungen waren gar nicht so schlecht: Bombardier als Hersteller hat bereits viel Erfahrung mit den Flexity-Bahnen – für Konkurrent Stadler war die Lieferung der Variobahn, auch wenn es sich um Lizenzbauten handelt, hingegen ein Erstlingswerk.

Sonderfahrt im Betriebshof (Bild: Dietmar Sailer)

Sonderfahrt im Betriebshof (Bild: Dietmar Sailer)

Bei der Vorstellung der neuen Fahrzeuge beeindruckten die Augsburger Stadtwerke. Eine Bahn konnte im Betriebshof besichtigt werden, eine weitere war zu Rundfahrten unterwegs. Das Fahrgefühl ist beeindruckend, die Wagen bremsen butterweich. In einer Woche geht’s in den Planbetrieb, so war es zu hören.

Dann die Ernüchterung: Der Einsatz verschiebt sich. Schon wieder Softwareprobleme. Die Software reift beim Kunden?

Vorstellung des Wagens 873 im Betriebshof (Bild: Dietmar Sailer)

Vorstellung des Wagens 873 im Betriebshof (Bild: Dietmar Sailer)

Woran liegts? Überraschend offen gehen die Stadtwerke Augsburg mit den Problemen um und erläutern, wo es hakt. Es klingt nach Kleinigkeiten: So ist die Freigabe der Türen erst möglich, wenn der Zug einige Sekunden stillsteht. Sicherheit geht vor. Doch dies kostet wertvolle Zeit, den die Freigabe der Türen ist bei den anderen Fahreugen bereits beim langsamen Rollen möglich, die Türen öffnen unverzüglich, wenn die Tram steht. Auch mit der Lichtschranke gab es Probleme: Ist diese für mehr als 60 Sekunden unterbrochen, gilt die Tür als gestört. Der Fahrer muss diese dann manuell wieder in Betrieb setzen. Eine Minute, das klingt nach einer langen Zeit. Aber beim Fahrgastwechsel am Königsplatz kann diese schnell vergehen. Sicher, auf dem Testgleis von Bombardier fällt das nicht weiter auf…

Ein weiteres Problem wirkt misteriös: Nach einem normalen Halt lässt sich die Tram nicht mehr anfahren. Auch hier stellt sich die Frage, ob solche Probleme nicht im Vorfeld erkannt werden können. Probleme bereiten kann vieles. So sind die Bauarten der Fahrleitungstrenner unterschiedlich, tiefere Temperaturen sorgen für vereiste Fahrleitungen. Dies kann beispielsweise dafür verantwortlich sein, dass die Software des Fahrzeugs Störungen in der Stromversorgung vermuten kann und – Sicherheit geht vor – die Antriebe sperrt.


4 Kommentare zu “Sensible Trambahnen”

  1. Stadtneurotiker sagt:

    Mechanik war wohl einfacher und durchschauberer als die ganze Eeltrik, ohnhe die heute nix fährt. Strengere Sicherheitsvorschrigten tun ihr übriges dazu…

  2. Ric sagt:

    @Stadtneurotiker:
    Ohne diese Elektronik wären Niederflurfahrzeuge halt nicht möglich.

  3. Andersreisender sagt:

    Ich finde auch: Alte Straßenbahnen rumpeln zwar wesentlich mehr, sind aber anscheinend unverwüstlich und tun selbst nach 100 Jahren noch immer brav ihren Dienst.

  4. Stef sagt:

    @Andersreisder:
    Jedoch zeigte sich beim letztjährigen Pasing-Jubiläum, wie fatal auch bei den Altwagen bereits geringste Fahrlässigkeiten in puncto Wartung sein können.
    Soll natürlich nicht heißen, dass die modernen Fahrzeuge hier besser (o. auch nur halb so gut) wären ;-).

© 2008 - 2015 Tramgeschichten, Impressum, Theme & Icons von N.Design Studio und Freepik
Artikel RSS Kommentare RSS Anmelden