Die letzten ihres Standes

Tellerrand, Wissenswertes Von: Daniel Schuhmann

Wie an der Kette eines Rosenkranzes aufgereiht sind die Kabinen des Aufzugs an zwei Ketten befestigt — die Rede ist vom Paternoster. Kabine hinter Kabine ähnelt der Personen-Umlaufaufzug, wie er technisch bezeichnet wird, vom Funktionsprinzip eher einer Rolltreppe als einem Aufzug. Diese Relikte der Technik, in Deutschland erstmals 1886 eingesetzt, sind mittlerweile selten geworden, etwa 240 Anlagen sind deutschlandweit noch in Betrieb. Öffentliche Anlagen gibt es kaum noch, in München hat lediglich der Paternosteraufzug im Alten technischen Rathaus in der Blumenstraße überlebt, der für jedermann benutzbar ist.

In Bewegung: Der Paternoster im Alten Technischen Rathaus

In Bewegung: Der Paternoster im Alten Technischen Rathaus (Bild: Daniel Schuhmann)

Eigentlich hätte im Jahr 2004 schon der letzte Aufzug dieser Art außer Betrieb gehen sollen, so sah es zumindest eine geplante Änderung der Aufzugsverordnung aus dem Jahr 1994 vor. Der Widerstand dagegen kam aus München: Der »Verein zur Rettung der letzten Personenumlaufaufzüge« gründete sich, und der Bundesrat hob die geplante Veränderung der Verordnung auf. Doch nun droht erneut der Stillstand der Anlagen: Denn die Neufassung der »Betriebssicherheitsverordnung« sieht vor, dass Paternoster ab 1. Juni 2015 nur noch von eingewiesenen Beschäftigten benutzt werden dürfen, dies würde das die Stilllegung von öffentlich zugänglichen Anlagen, wie dem Paternoster im Alten technischen Rathaus in der Münchner Blumenstraße, bedeuten.

Betriebserlaubnis

Hinweise des Kommunalreferats zur Außerbetriebnahme des Paternosters (Bild: Daniel Schuhmann)

Bitte Aussteigen, Weiterfahrt ungefährlich!

Bitte Aussteigen, Weiterfahrt ungefährlich! (Bild: Daniel Schuhmann)

Doch auch die Stadt München bemüht sich um den Weiterbetrieb des Paternosters, schließlich ist er eine bekannte Münchner Attraktion und ein Besuchermagnet. Schließlich ist das Paternosterfahren ein Erlebnis: Deutlich langsamer als im gewöhnlichen Aufzug gleitet man in der stets offnen Kabine von Stockwerk zu Stockwerk. Das Ein- und Aussteigen erfordert dennoch einiges Geschick, schließlich hält der Aufzug an den Stockwerken nicht an. Eine Geschwindigkeit von 0,28 Metern pro Sekunde hat das Modell in der Blumenstraße, was eine Fahrzeit von etwas über 14 Sekunden je Stockwerk ergibt. Die gesamte Umlaufzeit über Boden und Keller beträgt für die 23 Kabinen ganze 6 Minuten.

Kabine 23

Kabine 23 (Bild: Daniel Schuhmann)

Weiterfahrt ungefährlich

Die Legende besagt, die Kabinen würden sich am letzten Stockwerk umdrehen. Hinweise an den Eingängen und in jeder Kabine weisen auf die ungefährliche Weiterfahrt hin. (Bild: Daniel Schuhmann)

Hinweis auf den klassischen »Personenaufzug«

Hinweis auf den klassischen »Personenaufzug« (Bild: Daniel Schuhmann)

Besonders in Gebäuden mit wenig Publikumsverkehr, in denen Mitarbeiter öfter zwischen benachbarten Stockwerken unterwegs sind, spielt der Paternoster seine Vorteile aus: Der Platzbedarf ist geringer als der von Rolltreppen, zudem ist seine absolute Geschwindigkeit höher. Die Benutzer haben stets eine freie Kabine und sparen damit die Wartezeit auf den Aufzug. Sollen allerdings weiter entfernte Stockwerke angefahren werden, ist der klassische Aufzug im Vorteil und punktet durch seine deutlich höhere Fahrgeschwindigkeit, meist trotz der Wartezeit auf die Kabine.

Noch ist der Paternoster in Betrieb

Noch ist der Paternoster in Betrieb und wird rege benutzt (Bild: Daniel Schuhmann)

Da der Paternoster am Wochenende nicht in Betrieb ist, ist am Freitag die letzte Gelegenheit, noch vor der Außerbetriebnahme mit dem Paternoster zu fahren: Das Alte Technische Rathaus oder Planungshochhaus ist in der Blumenstraße 28, die Anfahrt erfolgt am besten mit den Trambahnlinien 16 oder 18 bzw. dem SEV 17 bis zur Haltestelle Müllerstraße.

Bitte Aussteigen

Erdgeschoss, bitte Aussteigen — hoffentlich nicht für immer (Bild: Daniel Schuhmann)


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