Abschied von der Schiene in der Prignitz

Bilder, Fahrplan, Betrieb, Tellerrand, Wissenswertes Von: Johannes Schumm

Am heutigen Freitag, 29.07.2016, fuhr zum letzten mal ein Schienenbus im Linienverkehr auf der in Pritzwalk startenden Nebenbahn nach Putlitz.

120 Jahre lang konnte man am Pritzwalker Bahnhof in den Zug Richtung Putlitz steigen.

120 Jahre lang konnte man am Pritzwalker Bahnhof in den Zug Richtung Putlitz steigen. (Bild: Jonas Hausdorf)


Eröffnet wurde die Strecke am 04. Juni 1896 – nun wird die schon seit einigen Jahren drohende Stilllegung traurige Realität.

Bereits vor 10 Jahren zeichnete sich ab, dass die Bahnstrecke langfristig nur sehr schwer überleben könnte: Das Land Brandenburg – verantwortlich für Bestellung und Finanzierung des Schienenpersonennahverkehrs (SPNV) vor Ort – stellte zum Fahrplanwechsel im Dezember 2006 die Bestellung des Zugverkehrs auf der landschaftlich reizvollen Nebenstrecke ein.

IIn Kuhbier überquert der VT98 die Bundesstraße nach Wittenberge.

In Kuhbier überquert der VT98 die Bundesstraße nach Wittenberge. (Bild: Jonas Hausdorf)

Doch die Prignitzer Bevölkerung wollte das nicht so einfach hinnehmen, sodass man nach kurzer Zeit zu folgender Lösung kam:
Der Landkreis Prignitz – seinerseits zuständig für die Koordination des Busverkehrs abseits der vom Land bestellten SPNV-Verbindungen – richtete keine „Ersatz“-Buslinie parallel zur Bahnstrecke ein, sondern beauftragte (und bezahlte) den eigens dafür gegründeten „Putlitz-Pritzwalker Eisenbahnförderverein“ mit der Durchführung des SPNV auf der Strecke. Dieser Verein wiederum gab die Aufgaben der Betriebsdurchführung weiter an die Prignitzer Eisenbahngesellschaft, ein in den 1990ern gegründetes, regional verankertes und privat betriebenes Eisenbahnunternehmen, das dem Schienenverkehr in der Prignitz nach der Wende wieder „auf die Beine“ geholfen hatte.

798 passiert den ehemaligen Hp Putlitz Süd. Dieser wurde nur in den Jahren 2004–2008 für das Musikfestival »VooV« bedient.

798 passiert den ehemaligen Hp Putlitz Süd. Dieser wurde nur in den Jahren 2004–2008 für das Musikfestival »VooV« bedient. (Bild: Jonas Hausdorf)

Mit der Zeit ging die PEG in der Eisenbahngesellschaft Potsdam (EGP) auf – am Betriebskonzept zwischen Pritzwalk und Putlitz änderte das jedoch nichts: Jeden Wochentag rumpelte der Uerdinger Schienenbus mehrmals von Pritzwalk nach Putlitz und zurück.

Nach der Ankunft in Putlitz wird zurückgesetzt, um das Kühlwasser nachzufüllen.

Nach der Ankunft in Putlitz wird zurückgesetzt, um das Kühlwasser nachzufüllen. (Bild: Jonas Hausdorf)

Besonders im Schülerverkehr war die Zugverbindung beliebt – wurde doch 2007 extra der neue Haltepunkt ‚Pritzwalk West‘ in direkter Nachbarschaft zum Pritzwalker Gymnasium eröffnet.

Im gemütlichen Tempo rumpelt der Schienenbus durch die Prignitz.

Im gemütlichen Tempo rumpelt der Schienenbus durch die Prignitz. (Bild: Jonas Hausdorf)

Zum 31.07.2016 verliert nun die landkreiseigene ‚Verkehrsgesellschaft Prignitz‘ ihre Konzessionen für den Busverkehr; das Nachfolge-Unternehmen prignitzbus wird den „Bus-Ersatzverkehr“ auf der Schiene nicht weiter bestellen.

Der Bus wird nun zum gewohnten Bild entlang der Bahnstrecke Pritzwalk–Putlitz.

Der Bus wird nun zum gewohnten Bild entlang der Bahnstrecke Pritzwalk–Putlitz. (Bild: Johannes Schumm)

Bereits im Dezember 2012, als die auf 5 Jahre angelegte Förderung des Schienen-statt-Straßen-Verkehrs auslief, kamen erneut Stillegungspläne auf. Doch durch die tatkräftige (finanzielle) Unterstützung der Stadt Putlitz konnte auch diesmal wieder eine Einigung erzielt werden, sodass der Schienenbus Jahr für Jahr aufs Neue eine Beschäftigung auf dieser Prignitzer Nebenbahn hatte.

Bei Groß Langerwisch fährt der Uerdinger Schienenbus durch die Brandenburgische Landschaft.

Bei Groß Langerwisch fährt der Uerdinger Schienenbus durch die Brandenburgische Landschaft. (Bild: Johannes Schumm)

798 bei einem Feldwegübergang nahe Kuhbier

798 bei einem Feldwegübergang nahe Kuhbier (Bild: Jonas Hausdorf)

Nun ist also endgültig Schluss mit diesem Kleinod gelebter Eisenbahn-Historie – und gelebter Wiedervereinigung: Wo sonst konnte man Vertreter der Wirtschaftswunder-Zeit aus Westdeutschland in einer Szenerie erleben, die zur gleichen Zeit stehengeblieben zu sein scheint, nur eben auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs?

Jetzt bleibt nur noch zu sagen »Mach's gut, Uerdinger!«, nun ist auch die letzte Bahnstrecke Deutschlands Geschichte, auf der ein Schienenbus im planmäßigen Betrieb als Standardfahrzeug zum Einsatz kam.

Jetzt bleibt nur noch zu sagen »Mach's gut, Uerdinger!«, nun ist auch die letzte Bahnstrecke Deutschlands Geschichte, auf der ein Schienenbus im planmäßigen Betrieb als Standardfahrzeug zum Einsatz kam. (Bild: Johannes Schumm)

Auch wenn im Stadtgebiet von Pritzwalk die Bahnstrecke nun wegen eines Bahnübergang-Neubaus an der Hauptstrecke nach Wittenberge unterbrochen werden soll – die Prignitz hat die Eisenbahn-Romantik noch nicht ganz verloren!
Auch die (vorerst in ihrer Existenz gesicherte) Strecke Neustadt (Dosse) – Pritzwalk – Meyenburg ist immer eine Reise wert – nicht zuletzt wegen der hier zum Einsatz kommenden Doppelstock-Schienenbusse.

Verwendete Quellen:
der schienenbus 3/16: »Aus für die Bahnstrecke Pritzwalk – Putlitz«
Märkische Allgemeine: »Diesmal zum wirklich aller-aller-allerletzten mal?«


2 Kommentare zu “Abschied von der Schiene in der Prignitz”

  1. Flo sagt:

    Wer noch einen Esslinger auf der Regentalbahn im Ausflugs-Plandienst erleben möchte, hat damit noch bis zum 12.9. Zeit. Nur ein Tipp! 😉 Ich könnte mir vorstellen, dass der Autor dieses Artikels auch an Esslinger-Abschieden interessiert sein könnte.
    http://www.wanderbahn.de

  2. Johannes Schumm sagt:

    Diese Vorstellung ist durchaus nicht von der Hand zu weisen – danke für den Hinweis! 🙂

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